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20.03.2010

Dinners with a Cause


Mit stil- und geschmackvollen Abendessen wird Geld für einen guten Zweck gesammelt

Um einer krebskranken Bekannten zu helfen, veranstaltete Alexandra Olsufiev vor einem Jahr vier private Wohltätigkeitsessen und sammelte Geld für die Operation. Ihre „Dinners with a Cause“ waren danach in Moskau so bekannt geworden, dass sie beschloss, weiterzumachen. Jetzt kocht sie jede Woche, die Gäste melden sich Monate im Voraus an. Mittlerweile wurden „Dinners with a Cause“ in Belgien, Frankreich, Italien und Kanada veranstaltet. MDZ-Autorin Valentina Nikiforova hat einen der Abende besucht und zu ergründen versucht, warum er so populär ist.

Die Aufzugstür öffnet sich, auf der Etage sind vier Wohnungstüren. Eine von ihnen ist halboffen, große Teelichter weisen den Weg. Im weißem Flur ist niemand zu sehen. „Hallo?“ Eine große, schlanke, dunkelhaarige Frau empfängt die Gäste — Alexandra. Anwältin und Philanthropin. Wir gehen in die Küche. Am Herd steht Banker Kirill, er ist selten in Moskau und viel in Asien unterwegs. Sein Menü ist entsprechend: Er schmort Rindfleisch mit Chili, Zitronengras und Kokosmilch im Wok. Wo kommt die Kokosmilch her? „Bei Asbuka Wkusa oder im Internet“. Allmählig treffen alle Gäste ein. Sie drücken sich zwischen die Klappstühle, laufen vorsichtig an einem Gemälde neben dem Tisch vorbei. Auf dem Bild ist eine rote Gewehrkugel auf weißem Hintergrund zu sehen. „Pushkine's Bullet“ nennt es sich. Es wird im März versteigert, das Geld kommt kranken Erwachsenen und Kindern zugute. Die monatliche Kunstversteigerung ist eine neue Idee von Alexandra im Rahmen von „Dinners with a Cause“. Das wöchentliche Abendessen ist für zwölf Personen gedacht, jeder Eingeladene spendet 1 000 Rubel. Eine Party für mehrere Hundert Menschen findet zwei bis drei Mal im Jahr statt, der Eintritt kostet mehrere Tausend Rubel. Alexandra hat bereits 40 Abendessen und vier Parties organisiert. Jetzt bastelt sie an einer eigenen Homepage. Ihr Ziel ist eine Internet-Plattform, auf der jeder eigene Wohltätigkeitsveranstaltung weltweit organisieren kann. Den Geldfluß soll eine belgische gemeinnützige Organisation steuern. Die Verwaltungskosten werden Werbepartner decken.

So lautet die Theorie. In der Praxis sitzen Anwälte, eine Kunstkritikerin, eine Designerin, Journalisten, Franzosen, Italiener, Russen, Ossetier, Kasachen, zusammen sechs Frauen, sechs Männer und die Gastgeberin, an zwei zusammengeschobenen Couchtischen im Zentrum vom Moskau. Manche tragen Hosenanzüge, andere Jeans und T-Shirts. Sie sind gebildet, kultiviert und seit langem keine Studenten mehr, aber es fühlt sich an wie eine Studenten-WG, weil sie immer noch, so Alex, „innocent to meet other people“ sind. Es wird viel geredet zwischen hausgemachtem Humus, scharfem Fleisch, Reis und Eis mit Erdbeersauce: Rechts erzählt eine Greenpeace-Mitarbeiterin, wo sie Bücher für ihre Kinder kauft, links schreibt eine Galeristin E-Mailadressen auf, um eine Vernissage-Einladung zu verschicken. Kurz nach Mitternacht machen sich die Gäste auf den Weg, im Flur legen sie unauffällig Geld in eine kleine rote Holzschatulle.

Wie jede Großstadt besteht Moskau aus vielen Parallelwelten, in denen Menschen einander nur selten begegnen. Die „Dinners with a Cause“ bilden einen Knotenpunkt zwischen den verschiedenen Welten, sie sind ein „Wurmloch“, in dem unerwartete Bekanntschaften dem eigenen Leben eine neue Wendung geben können. Die „Dinners with a Cause“ sind Wohltätigkeitsveranstaltungen, doch wohltuend sind sie auch für die Menschen, die sie besuchen.

www.coolcoz.com

Undercover im „Bolschoj“


Drei Tage Probekellnern in Moskaus neuestem Luxusrestaurant

Im April wurde hinter dem Bolschoj-Theater das „Bolschoj Restaurant“ eröffnet — das neue Projekt von Arkadij Novikov, Moskaus bekanntestem Gastronomen. Mit dem erfahrenen französischen Chefkoch Kamel Benamar und einer Sammlung moderner Kunst in den Sälen will er die europäischen Pendants übertreffen und das Restaurant nachhaltig zum kulinarischen Klassiker der Hauptstadt machen. MDZ-Autorin Valentina Nikiforova versuchte, dem Geheimnis des „Bolschoj“ auf die Spuren zu kommen, und kellnerte dort extra für Zeitung drei Tage lang.

Was macht ein Neuling am ersten Tag im „Bolschoj“? Er, in diesem Fall sie, poliert Gläser, Besteck und Geschirr, zehn Stunden am Stück. Am zweiten Tag fängt das Polieren von vorne an. Nach zwölf Stunden tun die Füße furchtbar weh, eine Notlüge verhilft zur Flucht. Am nächsten Tag geht es wieder von vorne los. Der Aufenthalt im „Back-Office“ – dem Raum hinter der Bar, wo sich die Küche befindet – kann für Anfänger ohne Branchenerfahrung bis zu einem Monat dauern. Das Leben spielt sich aber in den Sälen ab. Während die Kellner putzen, genießen die Gäste Kunst und Speis'. Die Reihenfolge entspricht der Moskauer Lebensart: das Wichtigste ist das Interieur, das Essen kommt danach. Vielleicht gibt es in Moskau deswegen
überdurchschnittlich viele schöne, aber keine Michelin-Sterne-Restaurants? Die Besucher des „Bolschoj“ sind von Bildern und
Skulpturen bekannter Künstler aus aller Welt umgeben: George Pusenkoff, Isabel Munõz, Dietrich Klinge, Joan Hernandez Pijuan, Pierre Soulage, Antoni Tàpies.

Am Nachmittag kommen etliche Gäste und mit ihnen die Chance, dem „Back-Office“ zu entkommen. Chefkoch Kamel Benamar – kahlhäuptig, dunkeläugig, hoch konzentriert und cholerisch – ruft „Service!“ – ein Rindfleischtartar muss in den Saal getragen werden. Die Kellner sind alle beschäftigt, und außer einer Frau ohne Branchenerfahrung, die den dritten Tag im „Back-Office“ festsitzt, kann ihn niemand hören. Auf das schüchterne: „I am not going out yet“ antwortet er entschlossen: „Sixteen, dawaj, dawaj“. Der Tisch Nr. 16 erhält den Tartar. Es geht zurück und wieder raus, hin und her mit den Bestellungen: gebratene Gänseleber mit süßen Pinienzapfen (1300 Rubel), Perlgraupenrisotto mit schwarzem Trüffelöl (700 Rubel), Rote Beete-Salat
mit Hüttenkäse und süß-saurem Dressing (750 Rubel), Gänsestopfleberterinne mit Sauternes & Kamille-Gelee (1000 Rubel).

Das Menü ist sehr klassisch im Gegensatz zur kreativen Küche, die in Deutschland gepflegt wird. Das ökologische Bewusstsein der Europäer führt außerdem immer mehr Bioprodukte und immer weniger artengeschützte Tiere auf die Karte. Im „Bolschoj“ aber findet man neben dem Beluga-Kaviar mit Bliny (5000 Rubel) auch Blauflossentuna in zwei Varianten: als Bestandteil eines Meeresfrüchtecarpaccio (2200 Rubel) und als Salat mit Bohnen (1100 Rubel). Ohne sie wäre der Konsument enttäuscht –Moskauer sind eben konservativ.

Der Abend naht, das Restaurant füllt sich. Am ovalen Tisch sitzen russische, italienische und amerikanische Geschäftsleute, im Kammersaal neben der Bar junge schöne Frauen und aufgeregte Männer, in den drei anderen Sälen Paare, Familien und Freundeskreise von der Rubljowka. Live-Klaviermusik umplätschert die Gespräche. Da erscheint Arkadij Novikov persönlich. Er setzt sich zu Wladimir Spiwakow und seiner Gemahlin. Spiwakow ist berühmter Geiger, Dirigent der „Moskauer Virtuosen“ und Leiter des Hauses der Musik. Sie sprechen über die Kunst im „Bolschoj“. Der letzte Kellnertag geht zu Ende. Die an diesem Abend verdienten 500 Rubel werden aufgeteilt: Ein Teil geht in der Nacht an den Taxifahrer, den Rest erhält am Morgen eine Babuschka für ein halbes Kilo Sanddorn für den Sanddorn- Honig-Tee à la Benamar.

Es ist zu spüren, dass sich für das Restaurant intelligente, ambitionierte und passionierte Menschen einsetzen. Das Konzept ist außergewöhnlich und erfolgreich. Die kulturellen Unterschiede machen es aber den russischen Unternehmern schwer, in Moskau eine besondere europäische Gastronomie wirtschaftlich zu betreiben: Im „Bolschoj“ sind die Produkte gut, das Menü aber längst überholt. Die Kunstsammlung erinnert an Lenin im Mausoleum: imposant, aber ein bisschen tot. Nur die kosmopolitische und stolze Atmosphäre vermählt das „Bolschoj“ mit den anderen Restaurants dieser Klasse weltweit. Sollte irgendwann das Bolschoj-Theater wieder aufmachen (eine moderne russische Weisheit besagt, dass alles, was zur Renovierung geschlossen wird, als Einkaufszentrum wiederöffnet), so wird der Weg von den ästhetischen zu den kulinarischen Freuden nicht weit sein.

Bolschoj Restaurant
Ul. Petrowka 3/6, Geb. 2
M. Kusnezkij Most
www.novikovgroup.ru
Tel.: (7 495) 789 8652

Schwarz, süß und maßgeschnitten


Das «Atelier du Chocolat» verfürt mit Leckereien und warmer Atmosphäre.

Auf der Pokrowka reihen sich «Coffee Bean», «Coffee House», «McDonalds», «Schokoladniza», «Starbucks» und «Wolkonsky&Kaiser» aneinander. Wie überlebt hier eine Konditorei, die handgemachte Süßigkeiten aus besten Zutaten anbietet und ein Mini-Cafe mit nur drei Tischen hat? MDZ-Autorin Valentina Nikiforova hat mit dem Chef-Chocolatier und Teilhaber des «L'Atelier du Chocolat» Roman Pokrowskij über Pralinen, Pelmeni und Traktoren gesprochen.

Eine kleine blaue Makrone krönt das herzförmige Schokoladen-Törtchen. Wer es sachte anknabbert, stößt bald auf eine Karamell-Füllung. Dann sind die Trüffel dran: zwei aus dunkler Schokolade mit Tee und Whisky gefüllt und ein weißer Trüffel mit Wodka. Die Wodkafüllung ist halbflüssig, ein Tropfen läuft den Finger hinunter und fällt auf den großen Tisch Nr.1. Die anderen beiden Tische sind klein, rund und vom Chef persönlich geschreinert. Der Ingenieur Roman Pokrowskij und seine Geschäftspartnerin Julia Schmakowa haben früher Straßenmaschinen verkauft, bis sie 2002 diese Patisserie eröffneten, weil «sie etwas Eigenes machen wollten».

Pokrowskij entwirft seine süßen Kreationen auch auf Bestellung. Für ein Festival bereitete er Schokoladenschuhe und für einen Pariser Lederspezialisten essbare Parfume-Flacons. Auf einer Schokoladenmesse verzierte er ein Desingerkleid mit Schokoladenstückchen und verpasste dem Model eine Abendtasche aus Schokotafeln. Im Dezember kreierte er ein Weihnachtsgeschnenk für den Direktor einer Pelmenifabrik - in die Fabrikverpackung eingepackte Pelmeni aus Marzipan.

Das «Atelier du Chocolat» bietet Trüffel (50-70 Rubel), Törtchen (150-250 Rubel), gefüllte Schokoladentafel (330 Rubel/100g), gelatinefreie Marmelade (35 Rubel/Stück), frisches Brot (75-170 Rubel) und Brötchen (à 75 Rubel) aus eigener Herstellung und die berühmte französische «Valrhona»-Couvertüre (250 Rubel/100g) an, außerdem werden Käse, Fleisch und Meeresfrüchte jeden Freitag auf Frankreich eingeflogen. Die Verpackungen sind genauso erlesen wie die Produkte: Die verspielten Pralinen- und Marmeladenschachteln entwarf die Designerin Anna Altbajewa, die einzeln verpackten Trüffel enthalten Wahrsagungen, das Brot wird in einer Kraftpapiertüte mit dem Schriftzug des «L'Atelier du Chocolat» nach Hause getragen. Das schätzen die Kunden. Die Frage, ob er Konkurenz auf dieser mit Cafés übersäten Straße hat, leitet Pokrowskij an zwei Besucherinnen weiter - «Njet!» und ein verschmitztes Lächeln sind die Antwort. Wie diese Frauen sind die meisten Besucher Stammkunden.

Die kleine Konditorei wirft nicht viel auf, als Angestellter würde Roman mehr verdienen. Und warum macht er es dann? «Mit der Schokolade zu arbeiten gefällt mir mehr als mit Traktoren. Und ich kann tun, was ich will», lacht er. Und was sind seine Ziele? «Eine stabilе Positionierung auf dem Markt, nicht unbedingt mit einer riesigen Kette. Ich möchte leckere Sachen in kleinen Volumen herstellen».

L'Atelier du Chocolat
Ul.Pokrowka 40
M.Kurskaja oder Kitaj-Gorod
www.atelierchocolat.ru
Tel.: (7 495) 917 07 64